Deutscher Arzt in Schweden: Erfahrungen im hohen Norden

10. August 2018 · Lesedauer: 8 Minuten

Der deutsche Arzt Frank Moryäner  ist vor elf Jahren mit seiner Partnerin nach Schweden ausgewandert. An eine Rückkehr denkt er nicht. Hier erzählt er über das Leben im hohen Norden und schildert seine Erfahrungen als angestellter Arzt in einem Gesundheitszentrum in Südlappland. 

 

Herr Dr. Moryäner, weshalb haben Sie Deutschland verlassen?

Dr. Moryäner: Meine Partnerin und ich sind beide Ärzte. Anfangs haben wir beide in der Inneren Medizin an einem Krankenhaus in Norddeutschland gearbeitet. Aber als Paar ist es nicht ganz optimal, da man vergleichsweise viele Dienste hat und die Freizeitplanung schwierig ist. Von Schweden erwarteten wir uns weniger Dienste, aber auch weniger Hierarchien. Zudem fanden wir den Gedanken, sich selber niederzulassen aufgrund des finanziellen Risikos als abschreckend. Eben sowenig wollten wir nicht so viel mit der Führung und Verwaltung einer eigenen Praxis zu tun haben.

Ihre Wahl fiel dann auf Schweden, wieso?

Dr. Moryäner: Meine Freundin und ich waren vorher bereits Schwedenfans und hatten viel Gutes über die Arbeitsbedingungen in Schweden gehört. Im November 2006 besuchten wir in Hamburg eine Veranstaltung der Ärztekammer, auf der verschiedene Repräsentanten einzelner Krankenhäuser aus Schweden waren und Ärzte als Verstärkung für den in Schweden herrschenden Ärztemangel suchten. Die Vertreter aus Västerbotten suchten unter anderem Allgemeinärzte für ihre medizinische Versorgungszentren, sogenannte Sjukstuga. Dabei wurden wir prompt nach Lappland eingeladen, damit wir uns vor Ort informieren konnten. Wir nutzten die Gelegenheit und verbrachten eine Woche in Nordschweden, um verschiedene Gesundheitszentren und Krankenhäuser zu besichtigen.

Sjukstuga: : In Schweden unterhalten Provinziallandtage im Norden des Landes Allgemeinmedizinische Praxen mit erweiterter Ausstattung wie z.B. Röntgen, Labor und Rettungswagen, sowie eigener Bettenstation unter allgemeinmedizinischer Führung.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Dr. Moryäner:  Ja, größtenteils. Wir arbeiten jetzt an einem medizinischem Versorgungszentrum in Åsele, Südlappland. Neben meiner Freundin und mir arbeiten hier noch zwei Kollegen in Teilzeit (je ca 20%).  Darüberhinaus haben wir manchmal noch Ärzte in der Ausbildung. Das heißt, wir beiden sind feste Ärzte und können unseren Arbeitsalltag auch entsprechend beeinflussen. Dienste am Wochenende oder nachts sind selten, etwa 10-15 mal im Jahr und werden großzügig in Freizeit ausgeglichen.

Wir nehmen unseren Urlaub in der Regel gleichzeitig und in der Zeit stellt die Geschäftsführerin einen Honorararzt an. Wir leben jetzt ein schönes Leben als Arzt in einem sehr dünn besiedeltem Gebiet, haben eine geregelte Arbeitszeit von 8-17 Uhr. Außerdem werden die Dienste großzügig vergütet und eine Hierarchie gibt es hier im Prinzip nicht.

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Dr. Frank Moryäner

Dr. Frank Moryäner wurde 1977 geboren und ist im Emsland aufgewachsen. Sein Medizinstudium absolvierte er an der MHH Hannover und arbeitete als Assistenzarzt in der Inneren Medizin an einem mittelgrossem Krankenhaus.

Seit 2007 ist Dr. Moryäner an der Sjukstuga in Åsele, Schwedisch-Lappland, beschäftigt, wo er eine schwedische Facharztausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin absolviert hat sowie eine Zusatzausbildung in ”Glesbygdsmedicin” (=Medizin in dünnbesiedelten Gebieten).

Seit 2013 ist er medizinischer Leiter an den Sjukstugen in Åsele, Dorotea und Vilhelmina.

Wo mussten Sie zurückstecken?

Dr. Moryäner:  Das Leben auf dem Lande gefällt uns sehr gut, allerdings kann man nicht erwarten, dass man mit Kollegen mal abends auf die Schnelle in den Pub gehen kann. Unsere Arztkollegen sind entweder 50, 70 oder noch mehr Kilometer entfernt in den Nachbarorten Dorotea, Vilhelmina und Lycksele, der soziale Kontakt mit ihnen ist ensprechend spärlicher. Man sieht ich aber dennoch regelmässig bei Kursen und Fortbildungen.

Gab es sprachliche Barrieren?

Dr. Moryäner:  Nicht wirklich. Wir haben die ersten fünf Monate einen vom Arbeitgeber bezahlten Sprachkus besucht und dabei auch schon unser Gehalt bekommen. Erst mit dem Erreichen eines bestimmten Niveaus hat man uns auf die Patienten losgelassen. In Schweden wird mittlerweile ein Sprachniveau der Stufe C1 gefordet, um als Arzt arbeiten zu dürfen.

Wie haben Ihre schwedischen Kollegen und Patienten auf Sie reagiert?

Dr. Moryäner: Wir hatten von Anfang an den Eindruck, dass wir sehr willkommen waren. In Nordschweden ist es nicht ungewöhnlich, dass hier Ärzte aus dem Ausland arbeiten. Die Kultur ist auch sehr ähnlich, so dass es keine grösseren Probleme gab. Hier in Norschwedens Inland gibt es sehr viele vakante Allgemeinarztstellen, die häufig mit "Leihärzten" besetzt werden. Die Patienten haben uns entsprechend positiv aufgenommen und waren froh, dass der Ort endlich wieder "feste" Ärzte hatte.

Wie ist die Lebensqualität in Schweden?

Dr. Moryäner:  Die Lebensqualität in Lappland würde ich als hoch beschreiben. Auch ist die Gesellschaft sehr familienfreundlich. Das Leben verläuft ohne grossen Stress in einem genügsamen Tempo. Hier gibt es eine atemberaubene Natur, in der sich viele Freizeitaktivitäten verwirklichen lassen. Wer möchte, kann wandern, Boot fahren, klettern, jagen, sammeln und vieles mehr.

„Wir leben ein schönes Leben als Arzt, in einem dünn besiedelten Gebiet."

Worin unterscheidet sich das schwedische Gesundheitssystem vom deutschen?

Dr. Moryäner:  In internationalen Vergleichen ist das Outcome für schwedische Patienten ungefähr vergleichbar mit anderen europäischen Ländern. Allerdings scheint es hier erheblich längere Wartezeiten für geplante Eingriffe zu geben. Mein Eindruck ist, dass es in Südschweden ähnlich zu geht wie in Deutschland. Die Unterschiede werden jedoch grösser, je mehr man sich in Richtung Norden bewegt.

Um auch im dünnbesiedeltem Lappland eine adäquate Patientversorgung zu gewährleisten, hat man hier sogenannte ”Sjukstuga” gebaut. Neben mir und meinen ärztlichen Kollegen haben wir hier ein Team von fast 30 Mitarbeitern. Zum Team gehören Krankenschwestern, Pfleger, Rettungsdienstpersonal, Röntgenpersonal, Laborpersonal, Hebamme, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Gesprächstherapeuten, technisches und administratives Personal bis hin zum Geschäftsführer.

Da wir fast hundert Kilometer zum nächstem Krankenhaus haben, hantieren wir viele Akutfälle selbst. Deshalb ist die ärztliche Arbeit weit abwechslungsreicher als in dichter besiedelten Gegenden. Einfache Frakturen, die nicht operiert werden müssen können wir hier z.B. Röntgen, reponieren und gipsen, ohne dass der Patient ins Krankenhaus eingewiesen werden muss. Wir übernehmen auch einen Teil der Kindervorsorgeuntersuchungen. Ebenso kümmern wir uns um ”normale” allgemeinmedizinische Patienten und betreuen Patienten auf unserer Bettenabteilung. Hierzu zählen etwa Patienten mit Infektionen oder nach einer Operation zur Rehabilitation. Zudem versorgen wir auch Palliativpatienten, z.B. mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen.

Man muss seine Patienten von der Geburt bis zum Tode begleiten. Von Kindervorsorgeuntersuchungen, akuten Eingriffen, Rehabilitation bis Palliation ist alles dabei.

Wie unterscheidet sich der Klinikalltag vom dem in Deutschland?

Dr. Moryäner: Wie ich schon eingangs erwähnte, arbeite ich, wie in Schweden üblich als angestellter Arzt ohne ökonomische Verantwortung für den laufenden Betrieb und ohne Personalverantwortung, die liegt beim Geschäftsführer. So kann ich mich viel mehr auf die medizinische Arbeit konzentrieren.

Ein anderer Unterschied ist die Geographie. In Lappland haben wir sehr große Abstände, 50km zum Nachbarort, 90km zum nächstem Akutkrankenhaus. Man muss also immer mit Notfällen rechnen. Da andere Fachärzte am Krankenhaus in 90km Entfernung arbeiten, ist es unsere Aufgabe, den Patienten primär zu versorgen und gegebenenfalls für den Transport zu stabilisieren. Wir haben entsprechende Weiter- und Zusatzausbildungen durchlaufen. Da allerdings nur ca. 3000 Einwohner in der Gegend wohnen, ist das Auftreten von wirklich akut kranken Patienten aber doch relativ selten.

Nicht akut erkrankte Patienten erhalten in der Regel mindestens 30 Minuten Sprechzeit mit dem Arzt. Dafür treffen wir unsere Patienten aber auch nur 1-2 Mal im Jahr. Das hängt zum einen mit den großen Abständen zusammen, aber auch damit, dass wir hier spezialisierte Krankenschwestern haben, die einen Großteil an Patientkontakten übernehmen.

Viele Arzt-Patientenkontakte finden darüberhinaus auch über Telefon oder Video statt. Telemedizin spielt ohnehin eine große Rolle in Nordschweden. Wir sind komplett digital vernetzt mit dem nächstem Akutkrankenhaus in Lycksele, aber auch mit der Uniklinik in Umeå. Wir können digital auf die Patientenakten auch im Krankenhaus zugreifen. Durch die Digitalisierung und Vernetzung können sich aber auch Krankenhausärzte bei uns durchgeführte Untersuchungen in Realzeit anschauen.

So führen wir zum Beispiel digitale Teledermatoskopieuntersuchungen durch, die sich ein Hautarzt aus der Ferne anschauen kann. EKGs, die hier oder im Rettungswagen geschrieben werden, können bei Bedarf direkt vom Internisten im Krankenhaus begutachtet werden. Bei uns durchgeführte Röntgenuntersuchungen werden vom Radiologen in Lycksele befundet etc.

Ich selbst empfinde die Arbeitsbedingungen als sehr angenehm. Ich mag die Arbeit im Team und finde die große Variation der Arbeitsaufgaben sehr gut.

 

Schweden in Zahlen und Fakten

Politisches System: Schweden ist eine parlamentarisch-demokratische Monarchie. Staatsoberhaupt ist seit 1973 König Carl XVI. Gustaf. Regierungschef ist seit 2014 Ministerpräsident Stefan Löfven (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens).

Sprache: Amtssprache ist Schwedisch, in manchen Regionen zudem Finnisch, Meänkieli und Samisch. Fast 80% der Bevölkerung sprechen Englisch als Fremdsprache.

Währung: Die Landeswährung ist die schwedische Krone (SEK). Der aktuelle Wechselkurs (August 2018) liegt für einen Euro bei 10,32 SEK.  

Klima: Das Klima ist für die geographische Lage mild und wird durch den Atlantik und den Golfstrom geprägt. Es herrscht ein feuchtes Klima mit reichlich Niederschlag. Aufgrund der Lage am Polarkreisgibt es viel Tageslicht im Sommer und lange Nächte im Winter.

Gesundheitssektor: Zuständig für das Gesundheitswesen und die Krankenpflege sind die Provinziallandtage (Landsting). Die Finanzierung erfolgt über die Einkommenssteuer. Pro Krankenhaustag wird eine Patientengebühr erhoben.

Bevölkerung: Seit 2017 hat Schweden erstmals über 10 Millionen Einwohner. Die Mehrheit sind ethnische Schweden, wobei es eine größere Minderheit von Schwedenfinnen gibt. Eine weitere Minderheit sind die Samen (Lappen).

Religion: Über viele Jahrhunderte war die evangelisch-lutherische Schwedische Kirche Staatskirche. Ihr gehören mehr als 61% der Bevölkerung an. Die zweitgrößte Religion ist der Islam.

Verkehrsmittel: Das Eisenbahnnetz ist gut ausgebaut, vor allem zwischen den größeren Städten. Autobahnen verbinden die Ballungsräume Stockholm, Göteborg und Malmö. Ein beliebtes Reisemittel sind Überlandbusse.

Flugverbindung von Deutschland: Es bestehen Flugverbindungen in alle Regionen des Landes, welche von Deutschland aus in etwa 2 Stunden erreicht werden können.

 

Welche Voraussetzungen sollten Ärzte mitbringen, die nach Schweden auswandern möchten?

Dr. Moryäner:  Die Arbeit in dünnbesiedelten Gebieten Schweden erfordert ein gewissen Grad an Eigenständigkeit. Man kann nicht mal schnell einen Kollegen fragen, oder den Patienten "mal eben" einweisen. Zudem kann es vorkommen, dass man Akutfälle eigenverantwortlich behandeln muss. Man kann nicht darauf bauen, dass innerhalb von wenigen Minuten der Notarztwagen zur Hilfe kommt. Selbst der Rettungshubschrauber braucht in unserem Fall mindestens 35 Minuten bis zur Ankunft. In anderen Gegenden ist die Zeit noch deutlich länger. Und nicht immer kann der Hubschrauber wetterbedingt fliegen.

Auch Flexibilität ist gefragt. Man muss seine Patienten von der Geburt bis zum Tode begleiten. Das Spektrum lässt sich kaum abgenzen. Von Kindervorsorgeuntersuchung, präventiven Untersuchungen, akuten Eingriffen, Rehabilitation bis Palliation ist alles dabei.

Als Arzt in den dünner besiedelten Regionen sollte man damit rechnen, dass hier abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Ein Bierchen im Pub ist im Prinzip nicht möglich. Oper- und Theaterbesuche setzten fast immer voraus, dass man in die nächste grössere Stadt fährt (in meinem Fall über 170 km nach Umeå ).

Gibt es einen Bedarf für ausländische Ärzte in Schweden, bzw. welche Fachrichtungen werden gesucht?

Dr. Moryäner:  Ja, es mangelt besonders an Pathologen, Psychiatern und Allgemeinärzten. Der Bedarf ist besonders groß in den dünner besiedelten Gebieten, fernab der großen Städte.


Tipps von Frank Moryäner zum Übersiedeln  

  •  Vielerorts hat man es aufgegeben, Stellenanzeigen zu veröffentlichen, da die Erfolgsaussichten zu gering sind. Die Chancen eine freie Arztstelle im Internet zu finden, sind deshalb vergleichsweise gering. Das heisst aber nicht, dass es keine freien Stellen gibt. Ich würde empfehlen, dass man sich direkt an einer Hälsocentrale oder Sjukstuga bewirbt und sein Schreiben direkt an den Verksamhetschef (=Geschäftsführer) schickt.
  • die schwedische Personennummer: Diese wird stets gebraucht um z.B. Verträge abzuschliessen, Häuser zu kaufen oder um Konten zu eröffnen.
  • die schwedische Legitimation: also die Erlaubnis in Schweden einen Heilberuf auszuüben. Man muss seine Approbation und evtl. Facharztzeugnisse anerkennen lassen. Zuständig ist die Gesundheitsbehörde Socialstyrelsen
  • die schwedische Sprache: der Arbeitgeber ist in der Regel behilflich beim Sprachkurs, bezahlt diesen auch und man bekommt i.d.R. auch schon sein Gehalt während der Sprachausbildung. Um als Arzt arbeiten zu dürfen und um die schwedische Legitimation zu bekommen braucht man Sprachkenntnisse auf Niveau C1.

Wie viel verdienen Ärzte in Schweden?

Dr. Moryäner:  Die Grundgehälter sind verschieden. In der Regel geringer in den Städten und höher auf dem Lande. Häufig niedriger im Krankenhaus als in der Praxis. Hat man dann noch Bereitschaftsdienste kann man dass Gehalt noch ordentlich aufstocken oder auch in Freizeit vergüten lassen. Für meine Arbeit als angestellter Facharzt in Lappland bekomme ich monatlich ein Nettogrundgehalt von fast 50.000 Schwedischen Kronen (SEK; ca. 4830 Euro) bei einer 40 Stunden-Woche ausbezahlt. Ich habe 31 Urlaubstage, aber deutlich mehr frei, da man seine Bereitschaftsdienste in Freizeit kompensieren kann. In den 50.000 SEK sind alle Abgaben inkl. Krankenversicherung und Altersvorsorge schon abgerechnet.

Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten in Schweden?

Dr. Moryäner:  Generell sind die Lebensmittelkosten hier auf dem Land leicht höher als im Discounter in den größeren Städten, wegen der langen Transportwege und fehlender Konkurrenz. Zudem muss man ein Auto haben, da es hier auf dem Lande im Prinzip keinen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr gibt. Andererseits sind die Kosten für Wohneigentum deutlich geringer als anderswo. Unser erstes Haus in Åsele z.B. war eine bezugsfähige Villa ohne Renovierungsbedarf mit 125 qm und 1000 qm Grundstück mitten im Ort. Dieses kostet uns damals 56.000 Euro und mittlerweile liegen die Preise noch deutlich darunter.

 

 

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Dr. Nina Mörsch

Medizinredakteurin bei coliquio

medizinredaktion@coliquio.de



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