Als Arzt nach Österreich: Längst keine Gehaltslücke mehr

10. August 2018 · Lesedauer: 7 Minuten

Österreich ist für viele ein beliebtes Urlaubsziel – doch für einen beruflichen Wechsel war das Land unter anderem auch aufgrund der niedrigeren Gehälter für deutsche Ärzte bisher nicht besonders attraktiv.

Doch die Zeiten ändern sich: österreichische Behörden sprechen von einem eklatanten strukturellen Mangel im Gesundheitsbereich und locken mit attraktiven Arbeitsbedingungen, die in Kombination mit einem breiten Freizeitangebot und überschaubaren bürokratischen Aufwand für viele Ärzte eine lohnenswerte Option darstellen.

 

"Die österreichische Ärztekammer spricht von einem eklatanten strukturellen Mangel" 

Dr. Thomas Wendel ist Geschäftsführer der Personalberatung tw.con. Das Unternehmen vermittelt Ärzte aus dem europäischen Ausland nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Die coliquio-Redaktion hat Dr. Wendel die wichtigsten Fragen zum Leben und Arbeiten als Arzt in Österreich gestellt.

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Dr. Thomas Wendel

hat an der Universität Bonn in Kernphysik promoviert und zusätzlich Wirtschaftswissenschaften studiert. Sein technischer Background wird ergänzt durch langjährige Erfahrung in der Strategie- und Personalberatung sowie der interkulturellen Zusammenarbeit

Seit Monaten berichten Medien von einem eklatanten Ärztemangel in der Schweiz. Wie sieht die Situation in Österreich aus?

Dr. Wendel: Die österreichische Ärztekammer spricht selber von einem eklatanten strukturellen Mangel.  Die Gründe sind meiner Meinung nach ähnlich wie in Deutschland: Einmal der demographische Wandel; zudem gab es in Österreich (wie in Deutschland vor 10 Jahren auch) ein EU-Urteil zur Einordnung von Nachtdiensten, indem diese fast wie normale Arbeitszeit behandelt werden müssen. Dies hat in beiden Ländern zu einer Bedarfsexplosion besonders an Assistenzärzten geführt.

Gibt es regionale Unterschiede?

Dr. Wendel:  Da die Haupteinwanderergruppen weiterhin die Ost- und Mitteleuropäer sind, gibt es dementsprechend auch ein West-Ost-Gefälle. So haben Gegenden wie Wien oder das Burgenland weniger Probleme als beispielsweise Orte an der deutschen Grenze. Vorarlberg und Tirol stehen auch noch in Konkurrenz zu den hohen Gehältern in der Schweiz und sind daher für viele Ärzte weniger attraktiv.  Neben dem West-Ost-Gefälle sollte natürlich auch das Stadt-Land-Gefälle berücksichtigt werden: Der Bedarf an ausländischen Ärzten in Großstädten ist naturgemäß wesentlich geringer als in den ländlichen Gegenden.

Welche Fachrichtungen sind in Österreich besonders gefragt?

Dr. Wendel: Ich würde sagen, die Situation ist mit der in Deutschland vergleichbar. Besonders gefragte Fachrichtungen sind zum Beispiel Anästhesie und Innere Medizin. Hier herrschen die größten Mängel. Zum Teil auch Hausärzte, wenn auch nicht so eklatant wie in Deutschland.  Überlaufen hingegen sind chirurgische Fächer, also Chirurgie oder Urologie. Da kann man fast von einem Überangebot an Kandidaten sprechen.

Einen Anerkennungsprozess bzw. eine Beantragung der Approbation gibt es in Österreich nicht.

Welche Voraussetzungen sollten Ärzte mitbringen, bevor sie sich in Österreich bewerben?

Dr. Wendel: Auch hier sind ähnliche Kriterien wie in Deutschland wichtig: Berufserfahrung und Qualifikation haben eine entscheidende Auswirkung auf das Gehalt. Aber gesucht werden alle – vom Berufsanfänger über Absolventen bis hin zum hoch qualifizierten Spezialisten. Da viele ausländischen Ärzte Ost- und Mitteleuropäer sind, ist auch die deutsche Sprache eine zentrale Voraussetzung.

Noch ein wichtiger Punkt für die Absolventen des Medizinstudiums aus Deutschland: in Österreich muss man erstmal eine 9-monatige Basisausbildung machen. Erst dann kann man die eigentliche Assistenzarztausbildung antreten.

Anm. der Red.: Laut den uns vorliegenden Informationen der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) müssen alle Personen, die erstmals nach dem 31. Mai 2015 eine Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin oder Facharzt nach der ÄAO 2015 in Österreich beginnen, eine Basisausbildung absolvieren. Diese dauert mindestens 9 Monate und dient dem Erwerb der klinischen Basiskompetenz in chirurgischen und konservativen Fächern in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner und zum Facharzt aller Sonderfächer, ausgenommen dem Fach Anatomie. Die Basisausbildung kann in allen allgemeinen Krankenanstalten nach § 2a KAKuG und von der ÖÄK anerkannten Sonderkrankenanstalten (§ 6a Abs 3 ÄrzteG) absolviert werden. Dabei sollte sie an mehreren Abteilungen erfolgen. Mehr Informationen dazu finden Sie auf der entsprechenden Webseite der ÖÄK.
Ausbildungsstättenverzeichnis finden Sie hier. 
Kontaktdaten von zuständigen Einrichtungen in den Bundesländern für die Vergabe von Ausbildungsstellen finden Sie hier.

Was ist der erste Schritt für diejenigen, die sich für eine ärztliche Tätigkeit in Österreich bereits entschieden haben?

Dr. Wendel: Für deutsche Ärzte ist es sehr einfach: Einen Anerkennungsprozess bzw. eine Beantragung der Approbation ist in Österreich nicht notwendig. Zuerst muss man sich bei der lokalen Ärztekammer in die Ärzteliste eintragen, indem man das Diplom zusammen mit einigen weiteren Dokumenten einreicht.  Dort werden dann alle Unterlagen nach der Richtlinie 36/2005, die die automatische Anerkennung von Abschlüssen in der EU regelt, geprüft.

Ärzte, die ihr Medizinstudium außerhalb des deutschsprachigen Raums absolviert haben, müssten dann noch einen Fach-Sprachtest ablegen, der zentral in Wien stattfindet und aktuell ca. 800-900 Euro kostet.

Der Anerkennungsprozess ist ja das eine, das andere ist die Frage nach einer passenden Stelle in Kliniken oder Praxen. Wie sollte man bei der Suche am besten vorgehen?

Dr. Wendel: Es gibt entweder spezialisierte Webseiten, die Krankenhausseiten selbst oder man nimmt sich eine Personalvermittlung, die die Stellensuche übernimmt.

Anm. der Red.: Eine gute Übersicht der aktuellen Stellen im Klinik- und niedergelassenen Bereich sowie Ausbildungsstellen bietet z. B. das Karriereportal www.arztjobs.at – eine Kooperation zwischen der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und der Österreichischen Ärztezeitung. Hier finden Sie eine Liste der Stellenplattformen der Ärztekammern.

Könnte man sich auch an Sie wenden, um solche Stellen anzufragen? Haben Sie eine entsprechende Datenbank?

 Dr. Wendel: Ja, definitiv. Wir sind gerade dabei, unser Netzwerk an potenziellen Kunden in Österreich zu vergrößern. Im medizinischen Bereich werden die Stellen oft angeboten, bevor sie überhaupt ausgeschrieben werden. Dies ist natürlich ein großer Vorteil bei den meisten Personalvermittlungen. Für Chirurgen und Urologen ist zwar im Moment keine Marktnachfrage da, aber auch in diesen Bereichen kann es mal einen Glückstreffer geben.

Wie hoch sind die Arztgehälter und die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland?

Dr. Wendel: Hier kann man nur relative Angaben machen. Die Gehälter sind stark angestiegen, das haben die österreichischen Gewerkschaften gut verhandelt. Österreich war ehemals finanziell sehr unattraktiv, was bis vor ein bis zwei Jahren das Haupthindernis für viele deutsche Ärzte war.

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"Als Single ist das Nettogehalt in Österreich leicht höher als in Deutschland, als verheiratetes Paar, bei dem ein Partner nicht voll arbeitet, ist das Nettogehalt etwas niedriger."

Inzwischen gibt es noch regionale Unterschiede, aber die Bruttogehälter sind aktuell etwas höher als in Deutschland, auch wenn man in Österreich nur Jahresgehälter vergleichen kann, da es 14 Monatsgehälter gibt, wovon zwei steuerlich begünstigt sind. Man muss daher erst einmal die Jahresgehälter (brutto) vergleichen und dann schauen, wie viel Netto davon übrigbleibt, was ja auch stark vom Steuersystem und den Absetzmöglichkeiten abhängt. Wir sagen, als Single ist das Nettogehalt in Österreich leicht höher als in Deutschland, als verheiratetes Paar, bei dem ein Partner nicht voll arbeitet, ist das Nettogehalt etwas niedriger. In Österreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland keine Unterschiede bei der Besteuerung von Singles und Ehepaaren, bei denen ein Partner wesentlich mehr verdient als der andere.

Anm. der Red.: Laut einer Auswertung von KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Deutschem Krankenhausinstitut (DKI) beträgt das Durchschnittsgehalt als Einsteiger 45.000 bis 55.000 Euro. Das Durchschnittsgehalt in leitender Position wird von 66.000 bis 135.000 Euro angegeben.
Kein deutscher Arzt wandert wegen des Geldes nach Österreich aus, sondern eher wegen der weichen Aspekten

Die Lebenshaltungskosten in Österreich sind außerhalb Wiens rund 20 Prozent höher als in Deutschland, d.h. es ist gehaltlich kein großer Vorteil, nach Österreich zu gehen. Aber es ist eine erhebliche Verbesserung im Vergleich zu der früheren Situation, als eine Auswanderung noch ein finanzieller Abstieg war.

Man sollte sich vor allem über die weichen Aspekte Gedanken machen: Ich würde sagen, kein deutscher Arzt wandert wegen des Geldes nach Österreich aus, sondern eher wegen der weichen Aspekte: Wie ist die Art der Arbeit? Habe ich weniger Stress? Erhalte ich mehr Anerkennung? Dies hängt natürlich auch sehr stark von den individuellen Krankenhäusern ab. Auch das Thema Kinderbetreuung könnte relevant sein.

In unserem kurzen Audio-Interview beantwortet Dr. Thomas Wendel folgende Fragen:

  • Welche kulturellen Besonderheiten sollte man auf jeden Fall beachten?
  • Welchen Rat haben Sie an Ärzte, die darüber nachdenken, nach Österreich auszuwandern?
Videodauer: ca. 2 Minuten
tw.con. ist eine in Bergisch Gladbach ansässige Personalberatung. Seit dem Jahr 2002 berät tw.con. deutschsprachige Unternehmen bei der Internationalisierung und der internationalen Personalbeschaffung. tw.con. vermittelt hochqualifizierte Mitarbeiter aus den Bereichen Gesundheitswesen, IT und Engineering aus dem europäischen Ausland nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz.

Österreich in Zahlen und Fakten

Politisches System: Die Republik Österreich besteht aus neun Bundesländern. Staatsoberhaupt ist der Bundespräsident, seit 2017 Alexander Van der Bellen. Regierungschef der Bundeskanzler, seit 2017 Sebastian Kurz.

Sprache: Amtssprache ist Deutsch, allerdings unterscheidet sich das österreichische Deutsch in Wortschatz und grammatikalischen Besonderheiten vom Hochdeutschen.

Währung: Die Landeswährung ist der Euro.

Klima: Österreich liegt in der feucht-kühlgemäßigten Zone. Zudem ist es stark von der alpinen Topografie geprägt.

Gesundheitssektor: Es besteht ein solidarisches Krankenversicherungssystem. Es besteht derzeit eine Überversorgung im Klinikbereich. Im europäischen Vergleich hat Österreich hat die höchste Anzahl an stationären Aufenthalten pro 100 Einwohner.  

Bevölkerung: Derzeit leben über 8,4 Millionen Menschen in Österreich. Etwa jeder Fünfte hat einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe an Ausländern stammt aus Deutschland.

Religion: Mit Abstand größte Religionsgemeinschaft ist die römisch-katholische Kirche (58,8%). Es folgen der Islam (4,3%) und evangelische Kirchen (3,4%).  

Verkehrsmittel: Österreich ist ein Transitland und aufgrund der geografischen Lage bestehen viele Tunnel- und Brückenbauten. Auf Autobahnen und Schnellstraßen sind Mautvignetten erforderlich.

Flugverbindung von Deutschland: Wichtigster Flughafen ist Wien-Schwechat, daneben gibt es Flughäfen in fünf weiteren Städten.

Wichtige Links und Ansprechpartner

Informationen zur Arbeit als Arzt in Österreich können Sie unter diesen Links finden:

Die Österreichische Ärztekammer hat ein Informationsblatt zur ärztlichen Tätigkeit für EU-Bürger zusammengestellt.

Österreichische Ärztezeitung (mit Stellenangeboten)

Österreichische Ärztekammer Auslandsbüro

Weihburggasse 10-12 A-1010 Wien

Telefon: +43 1 51 40 60; post@aerztekammer.at

Ansprechpartnerinnen der ÄÖK für die Migration nach Österreich:

EWR-Berufsqualifikationen:

Barbara Dvorak, MA, Tel: +43 1 51406-3064, E-Mail: b.dvorak@aerztekammer.at

Mag. Helene Wöger, MA, Tel: +43 1 51406-3065, E-Mail: h.woeger@aerztekammer.at

Hilfreiche Informationen zur Aufnahme der ärztlichen Tätigkeit in Österreich als PDF

Liste aller Ärztekammern im Überblick:

Ärztekammer Burgenland

Ärztekammer für Kärnten

Ärztekammer Niederösterreich

Ärztekammer für Oberösterreich

Ärztekammer Salzburg

Ärztekammer Steiermark

Ärztekammer für Tirol

Ärztekammer für Vorarlberg

Ärztekammer für Wien


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Marina Urbanietz

Medizinredakteurin bei coliquio

medizinredaktion@coliquio.de